Der Bundesrat hat in seiner Sitzung am 20. September 2013 die Bundesregierung gebeten, sich bei der Europäischen Kommission dafür einzusetzen, dass Definitionen festgelegt werden, die der Information über die Eignung eines Lebensmittels für Vegetarier*innen oder Veganer*innen dienen. Zur Vorbereitung hat der Bundesrat die Bundesregierung gebeten, unter Einbeziehung der Länder einen Vorschlag für eine Definition der Begriffe zu erarbeiten, der der Kommission zugeleitet werden soll. [1]

Zur Begründung führt der Bundesrat an, dass die derzeitigen Vorschriften über die Kennzeichnung von Lebensmitteln es den Verbraucher*innen nicht ermöglichen würden, sich über tierliche Bestandteile bzw. Inhaltsstoffe in Lebensmitteln zu informieren. Gesundheitlichen, ethischen oder religiösen Aspekten könne daher beim Konsum von Lebensmitteln somit nicht nachgekommen werden. Zudem seien Begriffe wie vegetarisch oder vegan nicht gesetzlich bestimmt.

Die Verordnung (EU) Nr. 1169/2011 verpflichte die Kommission jedoch, Durchführungsrechtsakte über freiwillig bereitgestellte Informationen, etwa über die Eignung von Lebensmitteln für Vegetarier*innen oder Veganer*innen, zu erlassen. Damit solle gewährleistet werden, dass Informationen für die Verbraucher*innen nicht irreführend, zweideutig oder verwirrend sind.

Was versteht man eigentlich unter dem Begriff „vegan“?

Der BVL begrüßt grundsätzlich den Ansatz der EU, dass Verbraucher*innen künftig über versteckte tierliche Bestandteile bzw. Inhaltsstoffe in Lebensmitteln zu informieren sind. Für eine Definition des Begriffs „vegan“ stellt sich aber die Frage, was man darunter nun eigentlich genau versteht, und ob man überhaupt eine treffende Definition finden kann.

Es gibt verschiedene (traditionelle und modernere) Ansätze, Veganismus zu definieren. Die Vegan Society (U.K.) machte bereits in ihrem Gesellschaftsstatut 1979 die Einschränkung, dass Ausbeutungen von – und Grausamkeiten gegenüber Tieren nur „soweit möglich und praktikabel“ ausgeschlossen werden sollten. [2] Was bedeutet aber diese Einschränkung? Wer bestimmt, ob etwas „praktikabel“ ist?

In der gelebten Praxis ist man sich zwar einig, dass alle Stoffe, die direkt aus tierlichen Körpern oder Körpersekreten bestehen, nicht vegan sind. Unter Veganer*innen herrscht auch weitgehend Einigkeit darüber, dass Produkte, in deren Verarbeitungsprozess tierliche Produkte verwendet wurden, nicht konsumiert werden sollten — das gilt insbesondere für Getränke und andere Flüssigkeiten, die mithilfe von Gelatine Hausenblase oder Hühnereiweiß geklärt sind – hier wird oft durch Herstelleranfragen versucht, den Konsum dieser Produkte zu vermeiden.

Wenn im Prozess der landwirtschaftlichen Erzeugung von ansonsten pflanzlichen Produkten allerdings tierliche Stoffe eingesetzt werden (z.B. Gelatine zur Behandlung von Pflanzen und tierliche Düngemittel), wird das weitgehend nicht als Grund dafür angesehen, das Endprodukt nicht als vegan anzusehen. Auch die Bestäubung mittels Bienen, selbst wenn diese industriell erfolgt und den Tod vieler Individuen mit sich bringt, ist innerhalb des Begriffs zulässig. Gleiches ist wohl über die Tötung von Tieren mittels Insektiziden und Pestiziden zu sagen. Auch dem Einsatz von Tieren wie etwa Lasteseln oder Kokosnuss erntenden Affen wird in der Regel keine Beachtung geschenkt oder zumindest nicht weiter danach gefragt. Letztlich sind auch Menschen Tiere, so dass eine Ausbeutung von Menschen ebenfalls theoretisch relevant wäre. Das zu berücksichtigen, gehört für viele vegan lebende Menschen allerdings nicht generell unter den Begriff „Veganismus“. Würde eine Definition von „vegan“ dem allen Rechnung tragen, würde so gut wie kein derzeit verfügbares Produkt dies erfüllen.

So sagt auch die Vegan Society lediglich, dass im Nahrungsmittelbereich mit der Bezeichnung „vegan“ die Praxis gemeint ist, auf alle Produkte zu verzichten, die – ganz oder zum Teil – von Tieren stammen. Damit wäre allerdings nicht einmal die Klärung mit Gelatine umfasst.

Insgesamt meinen wir, dass eine umfassende Definition [3] derzeit nicht den Bedürfnissen der vegan lebenden Menschen entspricht, da auf vielen Gebieten noch kein Konsens herrscht.

Wir meinen auch, dass Verunreinigungen nicht generell dagegen sprechen, ein Produkt als „vegan“ bezeichnen zu dürfen; es sollte aber separat darauf hingewiesen werden müssen. Zur Begründung verweisen wir darauf, dass bei der Ernte von Pflanzen ebenfalls Tiere (Insekten und deren Eier/Larven) mit in verarbeitete Produkte gelangen, die in die Produktion von beispielsweise Marmelade, Erdnussbutter, Tomatensauce, Brot etc. eingeflossen sind, folglich also Kontaminationen mit tierlichen Produkten ohnehin allgegenwärtig sind.

Unser Ergebnis

Wir sprechen uns daher für eine eingeschränkte Definition aus, die den Wortlaut haben könnte.

„Wird ein Lebensmittel als „vegan“ gekennzeichnet, muss es ohne jegliche Zutaten tierlichen Ursprungs hergestellt sein (gilt auch für Zusatzstoffe, technische Hilfsstoffe[4] und Aromen).“


[1] http://dipbt.bundestag.de/dip21/brd/2013/0573-13B.pdf

[2] Memorandum of Association of the Vegan Society, 1979. Abrufbar unter:
http://tier-im-fokus.ch/wp-content/uploads/2009/09/memorandum.pdf

[3] Etwa eine mit dem Wortlaut  „mithilfe von Tieren oder tierlichen Erzeugnissen hergestellt“.

[4] Im Sinne der Verordnung über die Verwendung von Extraktionslösungsmitteln und anderen technischen Hilfsstoffen bei der Herstellung von Lebensmitteln (Technische Hilfsstoff-Verordnung – THV), vgl. auch http://www.biosicherheit.de/lexikon/822.technische-hilfsstoffe.html

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